Ein historisches Haus am Wasser, eine Terrasse wie aus einem Ferienfilm – und ein Chefkoch, der seit zwölf Jahren mit ruhiger Hand die mediterrane Klassiker-Küche veredelt. Im Restaurant des Beau Rivage in Weggis wird Italien nicht kopiert, sondern gelebt: mit Schweizer Produkten, asiatischen Akzenten und Gerichten, die am Tisch zur kleinen Show werden.
von Ronnie Hürlimann

Sebastiano Finocchiaro ist Italiener, geboren in Süditalien, ausgebildet in Sizilien – und seit 27 Jahren in der Schweiz zu Hause. Wer ihm zuhört, merkt schnell: Hier steht kein Trend-Hopper am Herd, sondern ein Koch, der sich sein Repertoire über Stationen aufgebaut hat, die man nicht «mal eben» in den Lebenslauf schreibt. 15 Jahre Kulm Hotel St. Moritz, Begegnungen mit Grössen wie Anton Mosimann, prägende Lehrjahre mit Hans Nussbaumer – und davor (und dazwischen) Einsätze in Michelin-Sterne-Restaurants in Frankreich, Paris und Cannes sowie in Deutschland. Ein Jahr Japan kommt noch dazu.
Diese Mischung spürt man auf dem Teller: klassische mediterrane Küche als Fundament – darüber fein dosierte asiatische Einflüsse, die nicht laut werden, sondern elegant unterstützen. Genau diese Handschrift passt zum Ort: Das Beau Rivage ist kein hipper Pop-up-Spot, sondern ein Traditionshaus mit Stil. Und doch wirkt alles erstaunlich leicht, vor allem dann, wenn draussen serviert wird.


Dass das Restaurant mit einer 14-Punkte-Küche im GaultMillau genannt wird, überrascht im Kontext dieser Konstanz nicht.
Mediterran, aber mit Twist: Vom Trio-Tatar bis zum «Giro d’Italia»
Eine besondere Spezialität, das Gäste immer wieder zurückholt, ist Finocchiaros Trio-Tatar: Avocado, Thunfisch und Lachs – angerichtet mit Sojasauce, japanischer Mayonnaise und Teriyaki. Es klingt nach modernem Klassiker, schmeckt aber vor allem nach Präzision: cremig, salzig, frisch, mit jener feinen Umami-Kante, die man sonst eher in Tokio als am Vierwaldstättersee erwartet.
Wer tiefer eintauchen will, landet schnell bei weiteren Highlights: Ravioli mit drei Tomatensaucen – drei Tomaten, drei Charaktere, eine Idee. Oder das Safran-Risotto mit den speziellen roten Crevetten aus Mazara (Mazara del Vallo lässt grüssen), das mediterrane Wärme mit einer fast schon luxuriösen Meeresnote verbindet. Dass GaultMillau ausgerechnet Risotto und Gamberi Rossi als Paradegang beschreibt, passt verblüffend gut zu diesem Bild.




Und dann ist da diese unkomplizierte Grosszügigkeit, die viele Stammgäste offenbar schätzen: Immer wieder kommen Gäste, die nicht «die Nummer 12» bestellen wollen, sondern lieber sagen, was sie nicht essen oder nicht vertragen – und dem Chef die Bühne überlassen. Finocchiaro erzählt davon mit einem Lächeln: «Sagen Sie mir nur, was nicht geht – den Rest mache ich so, wie ich Lust habe.» Heraus kommt nicht selten ein persönlich komponiertes Menü, manchmal als kulinarische Reise durch Regionen und Erinnerungen – sein eigener «Giro d’Italia».
Für Erstbesuche hat er eine klare Empfehlung, die wunderbar zu einem Haus passt, das Vielfalt kann: eine grosse Auswahl an Antipasti, als Degustations-Streifzug. Pinsa (die römische Spezialität), Tempura, auch Sushi – dazu ein Glas Champagner. Die Botschaft dahinter ist simpel: nicht festlegen, sondern entdecken.
Wenn am Tisch gekocht wird: Salzkruste, Crêpes und ein Hauch Theater
Im Beau Rivage ist Genuss nicht nur Geschmack, sondern auch Erlebnis. Einige Gerichte werden direkt am Tisch zubereitet – ganz klassisch, ganz charmant. Der Wolfsbarsch im Weisswein oder in der Salzkruste (oft für zwei serviert) bringt nicht nur Duft, sondern Gesprächsstoff. Dass der «Loup de Mer im Salz» als Bestseller gilt, wird auch in touristischen Beschreibungen explizit hervorgehoben.
Und wer Desserts liebt, bekommt gleich mehrere Gründe, länger sitzen zu bleiben: Crêpes Suzette, Zabaglione mit Greyerzer-Crème-Eis, oder ein Tiramisu mit Amaretto – ebenfalls als Tischmoment inszeniert. Diese Art Service ist heute selten geworden, weil sie Können, Zeit und Aufmerksamkeit verlangt. Doch dies fühlt sie sich wie Luxus an und darf es hier auch.
Spannend ist dabei der bodenständige Unterton: So international die Handschrift wirkt, so selbstverständlich kommen auch Produkte aus der Schweiz zum Einsatz. Es ist diese Balance, die das Restaurant glaubwürdig macht: Italienische Seele, Schweizer Qualität, weltläufige Technik.
Dazu passt die Weinkarte mit Spezialitäten aus der Toscana, dem Piemont und Sizilien – also genau jenen Regionen, die zu Finocchiaros kulinarischem Kompass gehören. Und wenn ein Abend nach dem zweiten Glas plötzlich nach «Sommer in Italien» schmeckt, liegt das nicht nur am Wein, sondern auch an der Umgebung.


Historisches Ambiente drinnen, Ferienfilm draussen
Innen herrscht das klassische, elegante Ambiente eines rund 150-jährigen Hotels: gediegen, gepflegt, mit jener ruhigen Selbstverständlichkeit, die man in Traditionshäusern sucht. Draussen aber – auf der Terrasse und im «Giardino» – kippt die Stimmung in pure Riviera. Palmen, See, Abendlicht. Finocchiaro schwärmt: «Bei schönem Wetter und am Abend ist es hier schlichtweg paradiesisch.»

Wer einmal dort sitzt, versteht sofort, warum das Beau Rivage ein beliebter Ort für Hochzeitsgesellschaften und Geburtstagsfeiern ist – und warum viele Gäste nicht einfach «essen gehen», sondern für ein paar Stunden weg sind, ohne weit zu reisen.
Am Ende ist es genau diese Kombination, die hängen bleibt: ein Ort, der aussieht wie Postkarte – und ein Chef, der nicht jedem Trend hinterherrennt, sondern seine Küche wie eine Handschrift führt. Mediterran, präzise, mit einem Hauch Japan – und doch ganz Weggis.









